Wappen des Landes NRW, Schriftzug: Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen
Ehemalige Reichsabtei, vordere Ansicht
Vordere Ansicht
Ehemalige Reichsabtei, hintere Ansicht
Hintere Ansicht
Ehemalige Reichsabtei, Jagdzimmer
Das Jagdzimmer
Ehemalige Reichsabtei, Rittersaal
Der Rittersaal
Ehemalige Reichsabtei, Raum 5
Ausstellungsraum
Ehemalige Reichsabtei, Gartensaal
Gartensaal
Ehemalige Reichsabtei, Blick in den Skulpturengarten
Blick vom Obergeschoß

Die ehemalige Reichsabtei Aachen-Kornelimünster

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land Nordrhein-Westfalen Eigentümer der ehemaligen Reichsabtei Aachen-Kornelimünster, eines barocken, denkmalgeschützten Gebäudekomplexes. Seitdem ist das Land für den Erhalt der Liegenschaft verantwortlich.

Bis in die 70er Jahre wurden in erster Linie die Kriegsschäden beseitigt und dabei auch die im Mitteltrakt noch vorhandenen Stuckarbeiten und Deckengemälde restauriert. Seit 1976 beherbergt dieser repräsentative Bauteil die Einrichtung "Kunst aus Nordrhein-Westfalen - Förderankäufe seit 1945". Seit Anfang der 90er Jahre wurde der gesamte spätbarocke Gebäudekomplex Schritt für Schritt saniert. Nach Abschluss dieser Arbeiten im Jahre 2001 hat die Einrichtung auch den rechten Seitenflügel bezogen. Der größte Teil der fünfflügeligen Anlage wurde bereits in den fünfziger Jahren an den Bund vermietet, der dort ein Wehrmachtsarchiv hatte. Suczessive hat sich dieses Archiv in die beiden äußerern Bauteile zurückgezogen. Anfang 2006 wurde das Wehrmachtsarchiv in Kornelimünster endgültig aufgelöst, der neue Mieter der beiden dadurch frei gewordenen Nebenflügel wurde zum Juni 2006 die RWTH-Aachen.
Der Nutzerwechsel des Jahres 2006 hatte keine Änderung für die Landeseinrichtung Kunst aus NRW zur Folge, nach wie vor sind beide Seitenflügel und der zentrale Mitteltrakt der modernen Kunst, dargestellt durch Arbeiten Nordrhein-Westfälischer Künstlerinnen und Künstler, gewidmet.

Klosteranlage mit langer Tradition

Die ehemalige Reichsabtei geht auf eine Klostergründung des frühen 9. Jahrhunderts zurück. Benedikt von Aniane, französischer Benediktinermönch, Freund und Berater Ludwigs des Frommen, errichtete ab 814 auf dessen Wunsch an der heutigen Stelle, vor den Toren Aachens, ein Benediktinerkloster. Die Kirche des Klosters wurde im Jahr der Reichssynode 817 in Anwesenheit des karolingischen Kaisers dem Salvator geweiht.

Benedikt von Aniane stand dem Kloster als erster Abt vor. Ludwig der Fromme und seine Nachfolger unter den Ottonen bedachten die Abtei mit reichen Schenkungen an Ländereien, Reliquien und Sonderrechten. Die bis zum heutigen Tag in Kornelimünster aufbewahrten sogenannten "biblischen Heiligtümer", das Grabtuch, das Schürztuch und das Schweißtuch Chisti, stammen aus dem Reliquienschatz Karls des Großen. Durch Tausch gelangten um die Mitte des 9. Jahrhunderts auch die Reliquien des heiligen Kornelius, Papst und Märtyrer im dritten Jahrhundert n. Ch., in den Besitz des neugegründeten Klosters.

Die "biblischen Heiligtümer" werden im Rhythmus von sieben Jahren - wie die berühmten Reliquien im Dom zu Aachen - während der Heiligtumsfahrt gezeigt. Jährlich findet im September die sogenannte Kornelioktav statt. Die besondere Beliebtheit der Kornelius-Reliquien bei einer großen Schar von Pilgern führte schon im frühen Mittelalter zu einer Umbenennung des Klosters. Die Kornelius-Reliquie gab auch dem Ort, der sich wohl schon unmittelbar nach der Gründung der Abtei in ihrem Umfeld angesiedelt hatte, seinen Namen. Während des fast 1000-jährigen Bestehens der Abtei wurden die Reliquien stets als ihr bedeutendster Besitz angesehen und vor allen äußeren Zugriffen bewahrt.

Unter den Ottonen wurde der Abt des Klosters zum Reichfürsten erhoben und die Abtei erhielt die vollständige Immunität sowie die Reichsunmittelbarkeit, das Markt- und das Münzrecht. Diesen besonderen Status als "Reichsabtei" hat das Benediktinerkloster in Kornelimünster bis zu seiner Säkularisation 1802 unter Napoleon inne gehabt.

Nach einer sehr wechselvollen Geschichte erlebte die Abtei im frühen 18. Jahrhundert ihre letzte große Blütezeit. Unter dem Fürstabt Graf Hyacinth Alfons von Suys wurde mit einem großangelegten Neubau der Abteigebäude begonnen.

Zwischen 1721 und 1728 wurde zunächst der Mitteltrakt der schlossartigen Anlage errichtet, der als Wohn- und Amtssitz des Fürstabtes dienen sollte. Dem Mitteltrakt folgte der Bau des linken Seitenflügels, dann der des rechten Flügels, so dass die Anlage des Cour d`honneur erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter den Nachfolgern des Grafen von Suys vollendet wurde. Die Arbeiten an dem parallel zum Mitteltrakt gelagerten Bauteil schlossen sich daran an. Der Bau des äußeren Südflügels konnte erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts in nachabteilicher Zeit, den Plänen des Grafen von Suys folgend, abgeschlossen werden. Der spätbarocke Grundrissplan hat sich also im Wesentlichen bis heute erhalten.

Auch im Inneren hat vor allem der Mitteltrakt sein spätbarockes Ambiente bewahrt, wenngleich ein großer Teil seiner ursprünglichen Ausstattung verloren gegangen ist, da die Gebäude nach der Säkularisation des Klosters sehr vielen verschiedenen Zweckbestimmungen gedient haben. Besonders hervorzuheben ist die Gestaltung des zentralen Festraums im Erdgeschoss mit einem prächtig gestalteten Kamin, reichen Stuckarbeiten und Deckengemälden. Die Deckengemälde veranschaulichen mit allegorischen und metaphorischen Darstellungen die besonderen Funktionen und Rechte, die sich mit dem Amt und der Würde der Fürstäbte verbinden. Im Treppenhaus befindet sich auch heute noch ein beachtenswertes Deckengemälde, das den Sturz der heidnischen Götter durch den Erzengel Michael zeigt, der den stürzenden Göttern einen Schild mit der Aufschrift "quis ut deus" entgegenhält.

Der am prunkvollsten gestaltete Raum im Obergeschoss ist der so genannte "Rittersaal" mit zwei hervorragenden Stuckreliefs an den Längswänden. Das eine stellt den Ritterschlag, das andere Athene mit drei Putten dar, die die geistlichen Tugenden des Rittertums versinnbildlichen. Gleichzeitig deuten sie mit der Darstellung des so genannten Liktorenbündels auf das Recht des Fürstabts hin, im Namen des Kaisers Gericht über seine Untertanen zu halten. Die vorherrschenden Farben weiß und gold dieses Raumes weisen auf die Entstehung der Ausstattung im frühen 18. Jahrhundert hin. Das Deckengemälde zeigt eine allegorische Darstellung des Triumphs der Kirche über die Heiden.

Besondere Erwähnung verdient auch das "Jagdzimmer", so benannt nach den Motiven der hier vollständig erhaltenen Wandmalereien, die unter anderem eine Darstellung des Klosterneubaus zeigen, wie er von Graf von Suys geplant war. Der südliche Eckraum, die "Abtskapelle", zeichnet sich durch einen wertvollen Intarsienfußboden aus. Dieser Intarsienboden zeigt neben dem Wappen des Grafen von Suys und den Insignien der Fürstäbte, Schwert, Krone, Mitra und Bischofsstab, die Jahreszahl 1721.

Nach der Sanierung: Heimat für junge Kunst

Die Liegenschaft des Landes umfasst die fünf Flügel des ehemaligen Klostergebäudes und zwei innenliegenden Höfe. Außerdem gehören dazu der große Vorhof der Abtei mit seiner einseitigen spätmittelalterlichen Bebauung und die so genannte Immunitätsmauer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete "Turnhalle" sowie eine spätgotische Doppeltoranlage vor dem linken Seitenflügel und die großflächigen Grünanlagen.

1992 zeigte sich, dass nicht nur eine Dachsanierung, sondern ein Konzept für eine Gesamtsanierung nötig war. Die Kosten dafür betrugen rund 15 Millionen Mark, die das Land Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt hat. Durch die Sanierung sollte einerseits der Charakter der Anlage erhalten bleiben und andererseits der heutigen Nutzung Rechnung getragen werden. Deckengemälde, Stuckarbeiten, Kaminanlagen und wertvolle Fußböden sollten deshalb restauriert werden.

Die Nutzung des Mitteltrakts als Ausstellungshaus machte eine besondere Ausstattung erforderlich. Bis auf das "Jagdzimmer" sind in allen Räumen die Wände weiß, so dass sie einen neutralen Hintergrund für die moderne Kunst bieten. Eine zeitgenössische, funktionale Ausstellungsbeleuchtung bringt die Kunstwerke adäquat zur Geltung und beeinträchtigt nicht die mit Gemälden und Stuckarbeiten verzierten Decken. Das Dachgeschoss wurde als Zentraldepot für alle Förderankäufe des Landes ausgebaut. Im Erdgeschoss befinden sich die Verwaltungsräume.

Bei der Sanierung des rechten Seitenflügels Ende 1999 wurde ein mittelalterliches Flächendrainagesystem gefunden. Das wertvolle Bodendenkmal wurde frei gelegt und kann jetzt in Teilen nach Vereinbarung besichtigt werden.

Bei der Restaurierung wurden auch Putz und Anstrich sämtlicher Fassaden erneuert. Im Jahr 2002 sind alle Arbeiten an der schlossartigen Anlage abgeschlossen worden. Eine Sanierung der spätmittelalterlichen Wohngebäude und der historischen Kanaltrassen im Untergrund wird sich anschließen. Dann wird sich die ehemalige Reichsabtei - eingebettet in den malerischen historischen Ortskern von Kornelimünster - wieder in ihrer ganzen Pracht der Öffentlichkeit präsentieren.

Letzte Aktualisierung am 1. Mai 2008